Montag, 30. Juli 2018

"Briefe ohne Unterschrift" von Susanne Schädlich: Die Macht der Recherche

Wem klagt man sein Leid, wenn man im eigenen Land nicht mehr offen sagen darf, was man denkt? Als DDR-Bürger hatte man zwischen 1949 und 1974 mit der BBC-Sendung "Briefe ohne Unterschrift" einen Ansprechpartner im Ausland, der vielen Bürgern Mut machte, genau deshalb aber auch den Staatsapparat der DDR herausforderte. Die Autorin Susanne Schädlich hat die Geschichte der Sendung unter Zuhilfenahme einer intensiven Recherche nachvollzogen und Geschichten von Schreibern wie Machern dokumentiert. Herausgekommen ist ein Buch, das einen in Teilen an die Spionageromane von John le Carré erinnert - nämlich immer dann, wenn der Aufwand der Stasi geschildert wird, die Briefeschreiber zu überführen. Doch leider handelt es sich nicht um fiktionale Spannungsliteratur, sondern um eine minutiöse Dokumentation wahrer Begebenheiten. Dabei ist das Thema allerdings so klug gewählt, dass das Buch sich von den zahlreichen persönlichen Erfahrungsberichten aus der DDR-Zeit abhebt, die man über die Jahre lesen durfte. 

Leider ist das Werk in Teilen schwer zu lesen, was nicht nur daran liegt, dass man zwischen verschiedenen Zeiten und Figuren springt, kursive Einschübe die Zitate aus Briefen kennzeichnen und Schreibmaschinenschrift für die Auszüge aus Stasi-Akten steht. Es hat auch etwas damit zu tun, dass die Autorin es nicht immer schafft, ihre Rechercheergebnisse in die Gesamtgeschichte einzubetten und noch dazu sich selbst und ihre Gedanken hin und wieder zu sehr in den Vordergrund stellt. Richtig nervig sind ihre dauernden Vergleiche mit Miss Marple. Das ist vielleicht amüsant, wenn man ein Buch über die Suche nach einer verlorenen Perlenkette schreibt. Vor dem Hintergrund des Ernstes des Themas wirkt der Versuch, lustig zu sein, allerdings ziemlich deplatziert.

Ist das Buch trotz der Schwächen lesenswert? Ein klares Ja. Die Dokumentation der Briefe von DDR-Bürgern einerseits und der Stasi-Akten andererseits ermöglicht die Betrachtung der Umstände aus verschiedenen Perspektiven. Vor allem rund um den Fall Borchardt, den die Autorin näher beleuchtet, fiebert man regelrecht mit - immer ahnend, dass er nicht gut enden wird. Auch in der DDR wollten viele Menschen nichts gesehen und nichts gehört haben. Die Briefe allerdings zeigen, dass man schon sehen konnte, wenn man denn gewollt hätte. Die Stasi-Akten wiederum zeigen, wie unglaublich zynisch und menschenverachtend das Regime war, das riesige Anstrengungen anstellte, um etwa einen ansonsten völlig unauffälligen 16-jährigen Briefeschreiber zu überführen und für zwei Jahre ins Gefängnis zu werfen. 

In einer Zeit, in der manche Menschen in DDR-Nostalgie schwelgen und der autoritäre Geist sich ohne Scham zeigt, setzt Susanne Schädlich diesen Entwicklungen die Macht der Recherche entgegen. Manchmal sind es auch die kleinen Anekdoten, die dabei in Erinnerung bleiben. Etwa, wenn die Stasi als Geheimdienst der ach so antifaschistischen DDR zwei schwarze Männer unter den Decknamen "Bimbo" und "Jumbo" führt oder ein Stasi-Offizier einem Schüler gegenüber sagt: "Bei den Nazis hätten wir dich schon längst durch den Schornstein gejagt." 

Auch die Briefe aufgebrachter DDR-Bürger an die BBC hören sich stark nach dem an, was man als Journalist oder Autor heute von rechten Primitivbürgern bekommt. Was damals das "Lügenstudio" war, ist heute die "Lügenpresse". Das autoritäre Denken, das wird während der Lektüre immer wieder deutlich, ähnelt sich doch sehr, egal welchen Anstrich es trägt. Diejenigen, die den DDR-Unterdrückungsapparat über Jahrzehnte am Leben hielten, wären heute bei AfD und Pegida unterwegs. Oder sie sind es sogar. "Briefe ohne Unterschrift" ist eine Mahnung, dass wir es nie wieder soweit kommen lassen dürfen, dass man in diesem Land Angst haben muss, seine Meinung zu sagen.

Susanne Schädlich: Briefe ohne Unterschrift, Knaus, € 19,99

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