Montag, 14. Mai 2018

"Die Reise ins Reich" von Tobias Ginsburg: Besuch beim Gruselkabinett

Tobias Ginsburg hat etwas getan, was ich mir auch einmal überlegt hatte, dann aber zum Schutz meiner Familie nicht getan habe: Er hat sich unter falschem Namen unter die Reichsbürger gemischt und nun ein äußerst lesenswertes Buch mit seinen Erfahrungen unter dem Titel „Die Reise ins Reich“ vorgelegt. 

Nachdem es in den letzten Jahren immer wieder zu spektakulären Übergriffen durch Reichsbürger kam, teilweise sogar mit Toten, ist die Szene inzwischen zumindest in Sicherheitskreisen ein bekanntes Phänomen. In den Verfassungsschutzberichten explodiert die Zahl der Reichsbürger fast schon, auch wenn dies kaum plausibel erscheint, wenn man sich mit diesen Menschen und ihren Theorien schon länger beschäftigt. Ich vermute eher, dass die Ausmaße der Bewegung erst nach und nach richtig eingeschätzt werden – und gehe davon aus, dass sich in wenigen Jahren die Erkenntnis durchsetzen wird, dass es in Deutschland eine sechsstellige Zahl von Menschen gibt, die dem Glauben dieser Szene anhängen. Doch um was genau geht es eigentlich? Und warum sind diese Menschen so gefährlich? 

Wer Ginsburgs Buch gelesen hat, wird trotz der peniblen Recherchen kein abschließendes Bild des Phänomens haben. Das ist allerdings nicht das Versäumnis des Autors, sondern vielmehr der Zersplitterung der Szene geschuldet. Im Kern sind sich alle Akteure vor allem in einer Sache einig: Die Bundesrepublik Deutschland ist kein souveräner Staat, sondern vielmehr die Verwaltung eines besetzten Landes, in dem die Amerikaner und ihre (jüdischen) Verbündeten das Sagen haben. Dieses Konstrukt, so absurd es im Einzelnen begründet wird, erlaubt (und fordert) den Widerstand gegen die Staatsgewalt, die ja eigentlich keine ist, um am Ende die Souveränität des deutschen Volkes (ohne die Juden und andere Ausländer) auf dem Staatsgebiet des Deutschen Reiches, das im Prinzip nie untergegangen sei, wiederherzustellen. Dahinter stecken rechtsextreme, teilweise auch querfrontlerische, fast immer aber antisemitische und antiliberale Impulse, die im Einzelfall oft noch verstärkt werden durch psychische Krankheiten. Die Unterschiede im Detail ergeben sich allerdings weniger durch die unterschiedliche Deutung von historischen Daten, sondern sind vielmehr Teil der internen Kämpfe der Szene um die Deutungshoheit – und damit den Zugang zu den finanziellen Ressourcen der Anhänger. 

Es ist das Verdienst des Autors, dass er die Nähe der Protagonisten tatsächlich persönlich gesucht hat und sich nicht auf Online-Recherchen verlassen hat (die allerdings auch schon einiges an aussagekräftigem Material liefern; die Zahl der reichsbürgerlichen Webseiten, Facebook-Pages, Foren und Youtube-Kanäle ist riesig und leider auch sehr gut geklickt). Vom „Königreich Deutschland“ des inzwischen verurteilten und einsitzenden Betrügers Peter Fitzek, über den inzwischen verstorbenen antisemitischen Hetzer „Honigmann“ und die Köpfe hinter den sogenannten „Friedensmahnwachen“ bis hin zu Jürgen Elsässer vom Compact-Magazin: Ginsburg scheut sich weder, die Menschen zu treffen noch – und das muss tatsächlich als mutig bezeichnet werden – ihre Namen im Kontext seines Buches auch klar zu benennen. Das gilt ebenso für Quellen, die dieses Denken zumindest unterstützen, wenn nicht sogar klar befördern, wie „Journalistenwatch“, „KenFM“, „Der Wächter“, „Pravda TV“ oder „Mythenmetzger. Die Frage, woran man eine fragwürdige Quelle erkennen kann, würde ich inzwischen übrigens damit beantworten, dass diese fast ausnahmslos vorgeben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, die uns von anderen vorenthalten werden. Sobald einem dieser Anspruch begegnet, sollte man vorsichtig sein. 

Ginsburg gelingt es mit seinen monatelangen und aufwendigen Recherchen am lebenden Subjekt nicht nur, bisher nicht öffentlich getätigte Aussagen einzufangen, die die Radikalität der Köpfe wie auch der Anhänger der Bewegung noch deutlicher belegen. Vielmehr bekommt man auch einen Blick auf die Gründe, die Menschen sich derart radikalisieren lassen – teilweise aus dem Nichts. Verkürzt sehe ich nach der Lektüre zwei Gruppen, nämlich die der Verführer und die der verzweifelten Verführten, die jeweils aus unterschiedlichen Motiven zu Reichsbürgern werden. Die Verführer, seien es nun Blogger oder selbsternannte Könige, Herausgeber von Magazinen oder Veranstalter von rechtsesoterischen Seminaren, haben schlicht eine Einnahmequelle aufgetan, die nicht nur ganz nebenbei auch noch gut zu ihrem Hass auf das liberale und demokratische Gesellschaftsmodell passt, sondern die auch unendlich sprudelt. Denn, und damit sind wir bei den Verführten: Menschen, die unerwartet durch persönliche Schicksalsschläge in schwierige Situationen geraten, wird es immer geben. Und auch immer wieder aufs Neue. Genau diese sind es, die nicht nur für religiöse Sekten, sondern auch für die Reichsbürgerei anfällig sind, weil diese ihnen eine Erzählung bietet, die sich gut anfühlt: „Du bist nicht schuld an Deiner Situation, Du hattest gar keine Chance, denn Du bist Teil eines unterdrückten Volkes, das von den Eliten/ den Amerikanern/ den Juden/ den Aliens (oder einer Mischung aus allem) unterdrückt und ausgesaugt wird.“ Das entlässt den Einzelnen aus der Verantwortung, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen und bringt dazu, sich ganz dem Widerstand zu verschreiben (und ganz heißt vor allem auch: mit all seinem Geld). 

„Die Reise ins Reich“ liest sich schnell durch. Das hat vor allem auch damit zu tun, dass Ginsburg es schafft, über weite Teile des Buches durchaus mit einer humoristischen Note zu schreiben. Allerdings bleibt einem das Lachen spätestens dann im Hals stecken, wenn sich einmal mehr der brutale Antisemitismus der Szene Bahn bricht und man gemeinsam mit dem Autor das Gedankenexperiment wagt, was diese Menschen wohl mit ihm tun würden, wenn sie wüssten, dass er Jude ist. 

Das Werk ist als Einstieg in die Thematik ebenso geeignet, wie - aufgrund der persönlichen Begegnungen - auch als Vertiefung. Es ist ein wichtiges Buch, das leider in einem kleinen Verlag erschienen ist und damit hart um die Reichweite kämpfen muss, die es verdient hätte. Vielleicht trägt diese Rezension ein wenig dazu bei. Denn die Reichsbürgerszene ist nicht nur viel größer, als der Verfassungsschutz bis heute glaubt, sondern sie ist auch zunehmend gewaltbereit und professionalisiert und sie hat mit der AfD inzwischen einen parlamentarischen Anknüpfungspunkt. Die Wucht der Sozialen Medien, die es erlauben, auch offensichtliche Lügen mit Reichweite und Klicks zu adeln, tut ihr Übriges. Staatliche Institutionen müssen sich längst Strategien für den Umgang mit der Szene überlegen, aber auch wir Bürger sind gefordert. Denn jeder von uns wird früher oder später mit dem Gedankengut der Szene konfrontiert werden und sollte dann vorbereitet sein. Einfach weghören ist keine Alternative. Das macht nicht zuletzt „Die Reise ins Reich“ deutlich.

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