Donnerstag, 8. März 2018

Die AfD und der Islamismus - kein Missverständnis, sondern eine Kommunikationspanne


Es war einer der Aufreger der letzten Tage: Eine Delegation von AfD-Mandatsträgern unter der Leitung des NRW-Landtagsabgeordneten Christian Blex unternimmt eine Syrienreise. Nicht nur, dass sie von dort aus ungefiltert und unhinterfragt die Propaganda des Tyrannen und Massenmörders Assad als unumstößliche Wahrheit verkaufen, löst hierzulande zu Recht Empörung aus. Vielmehr ist es vor allem das Treffen mit dem Großmufti Ahmed Badr al-Din Hassun, das Aufmerksamkeit erregte.

Vermutlich wussten Blex und seine Kollegen tatsächlich nicht, was der Großmufti in der Vergangenheit so von sich gegeben hat. Etwa, dass er in der Vergangenheit Europa mit Selbstmordattentaten drohte. Dafür scheinen sie alle nicht belesen und intelligent genug zu sein. Man könnte also glauben, dass die Herren schlicht in ein Fettnäpfchen getappt sind, denn wer würde weniger Interesse an einer Verbrüderung mit führenden Islamisten haben, als die AfD?

Doch so einfach ist es nicht. Bei der Sache mit dem Großmufti handelt es sich einzig um eine Kommunikationspanne, nicht um eine Fehleinschätzung. Anders gesagt: Natürlich haben Blex und der Rest der AfD und der Großmufti viele Gemeinsamkeiten, sie wollen aber nicht, dass das öffentlich diskutiert wird. Was bisher nämlich kaum jemandem bewusst war: Die führenden Köpfe der AfD haben schon in der Vergangenheit immer wieder ihre Begeisterung für radikale Islamisten gezeigt.

Die Nähe von Alexander Gauland zu islamistischem Gedankengut etwa, immerhin Fraktionsvorsitzender und Bundessprecher der Alternative für Deutschland, habe ich schon vor Jahren publik gemacht (siehe hier und hier). In seinem Buch von 2002 mit dem irreführenden Titel "Anleitung zum Konservativsein" bezog er sich etwa auf Botho Strauß als er schrieb:
„Dass jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.“
Der Chef der AfD zeigt also mehr Verständnis für islamistische Terroristen, als für die Verteidiger der liberalen Gesellschaftsordnung. Was zunächst verwundern mag, ist allerdings keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel, wie Volker Weiß in seinem äußerst lesenswerten Standardwerk zur Neuen Rechten mit dem Titel "Die autoritäre Revolte" nachweist. 

Die Kurzfassung dessen, was Weiß beschreibt, findet sich im Ruf eines der neurechten Vielschreiber, Martin Lichtmesz: „An Liberalismus gehen Völker zugrunde, nicht am Islam.“ Und auch Björn Höckes Zitat zum Thema dürfte manchen naiven AfD-Sympathisanten verblüffen: „Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz.“ Keine Frage, der Hauptfeind der Neuen Rechten bleiben also die Liberalen (Belege hier). Und im Zweifel bekämpft man diesen eben Seite an Seite mit den Islamisten. 

Wer immer noch glaubt, die Neue Rechte unterscheide sich von der Alten Rechten durch weniger Radikalität, der sollte „Die autoritäre Revolte“ umso aufmerksamer lesen. Er wird lernen, warum Neurechte den Holocaust nicht leugnen, sondern ihn lieber relativieren oder warum die Gaulands, Höckes und Kubitscheks die Krise, vor der sie zu warnen vorgeben, gleichzeitig herbeisehnen. Und er wird eine überraschende Volte am Ende des Buches erleben, wo es plötzlich um den politischen Islam geht. Doch spätestens wenn man über die Sympathien für den radikalen Islam aus dem rechten Milieu heraus aufgeklärt wurde, legt sich die Überraschung schnell wieder und die Erkenntnis macht sich breit: Radikale jeglicher Couleur denken im Kern gleich. Sie sind reaktionär, demokratiefeindlich, antiwestlich, identitär. Und wir müssen mehr über sie wissen, um ihnen nicht immer und immer wieder in die Falle gehen. 

Ich empfehle „Die autoritäre Revolte“ nicht nur, ich würde sie sogar für alle Lehrer und Dozenten, die in der politischen Erwachsenenbildung tätig sind, wie auch für politisch Engagierte als Pflichtlektüre bezeichnen. Die gute Nachricht für alle Interessierten: Das Buch gibt es inzwischen als Nachdruck der Bundeszentrale für politische Bildung.

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