Donnerstag, 26. Oktober 2017

Warum Christian Lindners „Schattenjahre“ Pflichtlektüre für 546 Bundestagsabgeordnete ist

Gestern erschien ein Buch des FDP-Chefs Christian Lindner über die „Schattenjahre“ in der Opposition. Es ist, das kann man vorweg nehmen, ein für ein Politikerbuch überraschend lesenswertes Werk. Und es wird, das wage ich vorauszusagen, nicht nur kommerziellen Erfolg haben, sondern in den nächsten Wochen und Monaten auch zur Pflichtlektüre für die neugewählten Abgeordneten aus Union, SPD, Grünen und FDP werden – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber der Reihe nach.

Das Buch ist eine Mischung aus Rückblick, strategischer Analyse, Liberalismusdefinition und - wo es für das Verständnis notwendig ist - Biografie. Wäre es nur eines davon, wäre es ein Politikerbuch, wie es viele gibt. Und die zu lesen sich daher nicht lohnt. So hilft die Schrift aber nicht nur, Christian Lindner als einen der vermutlich wichtigsten Politiker der nächsten Jahre besser zu verstehen, sondern auch, wenn man ein echtes Interesse an den Funktionsmechanismen moderner Politik hat. Dazu gibt es zwar viele Werke - aber wenige davon profitieren von der Insiderperspektive.

Sicher, einige Journalisten hätten sich mehr Skandal gewünscht. Kritisiert wird etwa, dass man nichts über das Zerwürfnis mit Philipp Rösler oder über die Ablösung Guido Westerwelles liest. Aber was würde man dadurch für die Zukunft lernen? Mehr als ein paar Schlagzeilen für den Boulevard und die Ablenkung von inhaltlichen Fragen würde damit nicht erreicht. Als ernsthafter Journalist sollte man viel mehr Interesse daran haben, was Lindner aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, als daran, wie genau Konflikte vor vier, fünf Jahren ausgefochten wurden. Wer nach Ersterem sucht, wird dann auch tatsächlich fündig.

Warum sehe ich in "Schattenjahre" nun aber eine "Pflichtlektüre" für so viele Politiker im Bundestag (und auch darüber hinaus)? Nun, die grundsätzliche Antwort ist einfach: Es dürfte kaum einmal vorgekommen sein, dass ein aktiver Politiker, der seine Zukunft mehr vor als hinter sich haben dürfte, in der komprimierten Form eines Buches einen solchen Einblick in sein - wohlgemerkt vor allem politisches - Seelenleben gegeben haben dürfte. Das ist angesichts der gerade laufenden Sondierungsgespräche umso bemerkenswerter. Lindner legt die Karten auf den Tisch, und das in einer Phase, in der man - nach den Regeln der Vergangenheit - möglichst alles unternommen hätte, um sich gerade nicht in eben diese Karten schauen zu lassen.

Für die 80 FDP-Abgeordneten (und die meisten Mitglieder) sollte Schattenjahre alleine schon deshalb eine wichtige Lektüre sein, weil es starke Argumentationsteile für einen modernen, aufgeklärten Liberalismus enthält, die auch für einen Teil derjenigen Wähler, die den Liberalen noch mit abwartender Skepsis gegenüberstehen, attraktiv sein dürften. Noch dazu ist es vielleicht auch nicht ganz irrelevant, zu verstehen, wo man mit dem eigenen Vorsitzenden übereinstimmt - und wo vielleicht auch nicht. Denn auch wenn manche Medien Christian Lindner zur unangreifbaren Lichtgestalt der Partei erklärt haben, werden inhaltliche Weichenstellungen immer noch in den Parteigremien getroffen. Und dort hat auch Christian Lindner nur genau eine Stimme. Die Arbeit an einem schlagkräftigen politischen Liberalismus ist mit dem Wiedereinzug der FDP in den Bundestag nicht etwa abgeschlossen. Vielmehr wurde schlicht sichergestellt, dass sie überhaupt wieder richtig Fahrt aufnehmen kann.

Die 313 Abgeordneten von CDU, CSU und Grünen können in dem Buch eine Anleitung für den Umgang mit ihrem möglichen Koalitionspartner finden. Dabei sollte man nicht nur nach möglichen roten Linien suchen, die Lindner zwischen den Zeilen durchscheinen lässt, sondern auch nach den Punkten, in denen die FDP verhandlungsfähig sein kann, wenn sie liberal gedacht und argumentiert werden (etwa in Fragen des Umweltschutzes). "Schattenjahre" legt die Hürde, an der sich Lindner messen lassen muss, zwar hoch. Man kann das Buch daher auch als Risiko sehen. Aber gleichzeitig macht es die FDP unter ihrem Chef in einer beruhigenden Weise berechenbar. Das war bei den Liberalen nicht immer so.

Für die 153 SPD-Abgeordneten wiederum geht es bei der Lektüre des Buches weniger um die FDP, als um die eigene Partei. Oder besser: sollte es gehen. Wer den Artikel von Markus Feldenkirchen über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz gelesen hat, dürfte eine Menge über den Zustand der SPD und die dort anstehenden Aufgaben gelernt haben. Lindners Buch zeichnet den Weg, den die Sozialdemokraten nun zu gehen haben, am Beispiel, wie ihn die FDP gegangen ist, vor. Natürlich wird die Sozialdemokratie nicht auf alle Fragen dieselben Antworten geben, die sich die Liberalen gegeben haben. Aber es wäre schon ein Fortschritt für die große Traditionspartei, wenn sie überhaupt zu den richtigen Fragen finden würde.

An einer Stelle musste ich schmunzeln, nämlich dort, wo Christian Lindner sich dagegen wehrt, als Sozialliberaler bezeichnet zu werden. Er hat Recht, das ist er nicht. Im Vergleich zu dem, was in den 1970ern in der FDP gedacht wurde, sind das übrigens nicht einmal mehr die Grünen. Zeiten ändern sich. Wenn Lindner allerdings heute tatsächlich das Spektrum der neuen FDP ziemlich mittig repräsentiert, muss man auch sagen dürfen, dass das vor einigen Jahren anders war. Da war er tatsächlich eher "links" zu verorten. In der Zwischenzeit hat sich aber weniger Lindner verändert. Vielmehr haben sich die Koordinaten der FDP insofern in die Mitte verschoben, dass ein Flügel weggebrochen ist, der mit dem Liberalismus wenig zu tun hatte - und der sich heute am rechten Rand der AfD pudelwohl fühlt. Es wird in der FDP auch in den nächsten Jahren in der Sache gestritten werden, aber echte Flügel gibt es nicht mehr. Für mich ist das ein riesiger Fortschritt auf dem Weg hin zu einer Partei, die sich als progressive Kraft in einem sehr statusorientierten Parteiensystem aufstellt. Nun wird sich zeigen, ob auf die "Schattenjahre" ein Band II folgt. Titelvorschlag: "Lichtjahre".

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