Mittwoch, 19. August 2015

Jürgen Todenhöfer - Neuer Rechter oder Friedensaktivist?

Auf besonderen Wunsch des liberalen Menschenrechtsaktivisten Tobias Huch und mit freundlicher Genehmigung des Hanser-Verlags hier ein kurzer Auszug aus meinem neuen Buch "Gefährliche Bürger - Die neue Rechte greift nach der Mitte" mit Focus auf das Facebook-Phänomen Jürgen Todenhöfer. Besonders seine Verharmlosung rechtsextremen Gedankenguts von 1989 klingt so wie das, was man heute von all jenen hört, die sich insgeheim über jeden Anschlag auf ein Flüchtlingsheim freuen.

Auszug von den Seiten 111 bis 113:

Die sozialen Medien haben ein weiteres Phänomen hervorgebracht, das man hinsichtlich seiner Bedeutung für die neurechte Szene nicht unterschätzen sollte: Einzelpersonen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, die über Facebook und Co. eine riesige Reichweite entwickeln. Ein solches Beispiel ist Jürgen Todenhöfer, den man nach einem Blick auf seinen Facebook-Account, dem inzwischen rund 400 000 Menschen folgen, für einen linken Friedensaktivisten halten könnte. Tatsächlich war er von 1972 bis 1990 CDU-Bundestagsabgeordneter. Ein Blick auf seine damaligen Aussagen, namentlich auf diejenigen aus seinem 1989 erschienenen Buch Ich denkedeutsch – Eine Abrechnung mit dem Zeitgeist, rückt seine heutige Tätigkeit in ein anderes Bild. Damals noch Posterboy des rechten Rands der CDU, schrieb er im Vorwort großspurig: »Der Bürger will wissen, wo es lang geht. Ich sage, wo es lang geht.« Und das tat er dann auch. 

»Wenn Rotgrün nach Bonn kommt, geht die Demokratie«, orakelte er, wohingegen sich das Programm der Republikaner »keineswegs als ›Fahrplan des Faschismus‹ (taz)« erweise, sondern »demonstrativ auf dem demokratischen Parlamentarismus« fuße. Darüber hinaus war Todenhöfer davon überzeugt, es gebe »keine Ausländerfeindlichkeit als Grundströmung in der Bundesrepublik«, daher seien die Republikaner auch keine besondere Gefahr, zumindest keine, die größer sei als Rot-Grün. Vielmehr bestehe das Problem darin, dass die »drei großen A’s – Asylanten, Ausländer, Aussiedler« – so lange durcheinandergemischt würden, »bis niemand mehr weiß, was mit Ausländerhass eigentlich gemeint ist«, was nicht akzeptabel sei in einem Land, »das bis unter den Dachfirst überfüllt ist«. 

Vor diesem Hintergrund klingt Todenhöfers nächste Erkenntnis fast zwangsläufig: »Nicht Neonazis, sondern linke Terroristen« seien es, die die Axt an die bundesdeutsche Realität legten, denn: »Der rote Mob marschiert – nirgendwo  eine braune Front. […] Es sind nicht die erfundenen Neonazis, die diese Republik gefährden.« Keine zwei Jahre später wurde die geeinte Bundesrepublik von einer Serie tödlicher, menschenverachtender rechtsextremistischer Anschläge heimgesucht. 

Seit einiger Zeit nun schreibt Todenhöfer Bücher mit Titeln wie Mein Traum vom Frieden und wirbt für einen Dialog mit dem früheren KGB-Agenten Putin, der heute russischer Präsident ist. Ist der »Friedensträumer« also nach links gerückt? Keineswegs: Der CDU-Rechtsaußen Todenhöfer hat sich über die Zeit gewissermaßen im Gleichschritt mit jener Szene entwickelt, die sich eine neue Form von rechtem Denken wünscht, geprägt von Abneigung gegen das westliche Lebensgefühl, von Sympathie für autoritäre Lösungen, und die für eine möglichst neutrale Stellung Deutschlands wirbt, sozusagen als Insel der Seligen in einer unaufgeräumten Welt. Nein, man ist weder Nazi noch Antisemit, weder Amerikahasser noch Putin-Fan – aber: »Man wird ja wohl noch sagen dürfen …« Mit seiner Mischung aus Welterklärung, Amerika-, Nato- und Israelkritik und Russlandsympathie gelingt es Todenhöfer, die breite Mitte zu erreichen. Selbst für Terroristen bringt er Verständnis auf. In Gerickes Sendung auf RT etwa konnte er unwidersprochen sein Mitleid mit IS-Kämpfern ausdrücken, die erst durch die amerikanische Politik zu Terroristen geworden seien. Bei Jürgen Todenhöfer wirken Erklärungen wie Lösungen immer einfach. Und schuld ist immer der Westen.

Mehr zu den Hintergründen der neuen Rechten, zu ihren Strategien und Protagonisten im Buch - ab Montag, 24. August 2015 überall im Buchhandel erhältlich. Wer Tobias Huchs Initiative für Kurdistan unterstützen will, findet alle Infos hier. Mit einer 5 Euro teuren SMS mit dem Inhalt KURDISTAN an die 81190 gehen 50 Flaschen Trinkwasser an Flüchtlinge in der Region.

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