Donnerstag, 9. August 2012

Man wird doch wohl noch sagen dürfen...

In einer Gesellschaft, in der es kaum noch echte Tabus gibt, feiert der Tabubruch Hochkonjunktur. Ein Gastbeitrag von Martin Hagen.


„Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, ein Deutscher zu sein“ - dieser und acht weitere „unbequeme Sätze“ prangten 2010, auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte, auf der Titelseite einer bekannten Boulevardzeitung, verbunden mit der Forderung, es dürfe „keine Sprechverbote geben.“ Nicht viel geistreicher, dafür immerhin in Versform, versuchte sich jüngst ein deutscher Dichter mit SS-Vergangenheit als Tabubrecher zu inszenieren, als er angeblich verschwiegene „Wahrheiten“ über Israel zu Papier brachte. Und jedem FDP-Mitglied klingt zehn Jahre nach dem Bundestagswahlkampf von 2002 noch der perfide Satz im Ohr: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen…“

In einer Gesellschaft, in der es kaum noch echte Tabus gibt, feiert der Tabubruch Hochkonjunktur. Der rhetorische Trick ist so einfach wie wirkungsvoll: Wer behauptet, mit seiner Position ein Tabu zu brechen, stempelt Widerspruch zum Angriff auf die Meinungsfreiheit ab, und schürt gleichzeitig im Subtext das Ressentiment: „Da will uns jemand den Mund verbieten...“

Dass in Wahrheit kein Mensch fordert, man müsse sich für sein Deutsch-Sein entschuldigen; dass über die Integration von Ausländern schon seit langem kontrovers diskutiert wird; dass Kritik an der Politik Israels hierzulande kein Tabu, sondern eher publizistischer Mainstream ist – all das spielt keine Rolle mehr, hat sich der Mob erst mal mit dem „mutigen Tabubrecher“ gegen die „Political Correctness“ solidarisiert.

Wer populistische Scheingefechte darüber führt, ob man Banalitäten aussprechen darf oder nicht, tut das häufig, um von Positionen abzulenken, die in aufgeklärten Schichten tatsächlich und aus gutem Grund tabuisiert sind – beispielsweise Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie. Solche „Tabus“, wenn man sie denn so nennen will, sind zivilisatorische Errungenschaften, oder mit den Worten von Jürgen Habermas: Ergebnisse eines kollektiven Lernprozesses. Sie zu brechen ist nicht emanzipatorisch, sondern reaktionär.

Es ist richtig und gut, dass auch der gröbste Unfug geäußert werden darf (und wie die Erfahrung zeigt, wird er nicht nur gerne geäußert, sondern mitunter auch publiziert). Wenn wir Empörendem mit Empörung entgegnen, greifen wir die Meinungsfreiheit  aber nicht an, sondern machen von ihr Gebrauch. Schließlich hat jeder das Recht auf seine eigene Meinung - aber nicht darauf, dass sie unwidersprochen bleibt.



Martin Hagen (30) war von 2004 bis 2006 Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Bayern. Der Beitrag ist zuerst erschienen im Mitgliedermagazin der Jungen Liberalen.

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