Dienstag, 29. Juni 2010

Sommermärchen, Teil II – Ein unzulässiger Vergleich

Ich weiß, Analogien zwischen Politik und Fußball zu beschreiben ist alles andere als cool. Das hat und Christian Wulff dieser Tage wieder einmal bewiesen. Ich will es an dieser Stelle trotzdem wagen, weil die Aussage dieser Zeilen so tatsächlich am besten transportiert werden kann (glaube ich zumindest).

Wir schrieben das Jahr 2006 als in Deutschland das Sommermärchen, Teil I aufgeführt wurde. Als Außenseiter ins Turnier gestartet (wer erinnert sich nicht an das 1:4 im letzten großen Testspiel gegen Italien in Florenz) verzauberte die deutsche Nationalmannschaft die ganze Nation – und die ganze Nation begeisterte mit ihrer Freude die Welt. Man begann vom Weltmeistertitel zu träumen, spätestens nach dem Viertelfinale gegen Argentinien war die Euphorie grenzenlos. Dann kam das Italienspiel und alle Träume zerplatzten. Anstatt aber die Köpfe hängen zu lassen und in alte Verhaltensmuster zu verfallen, gingen die Bürger dieses Landes trotzdem auf die Straße und feierten die Mannschaft – und sich selbst. Diese vier Wochen im Sommer 2006 haben diese Nation verändert. Und das wirkt bis heute nach.

Nun ist es 2010. Es ist wieder Sommer, es ist wieder WM-Zeit, Deutschland spielt wieder tollen Fußball. Die Nation träumt vom Sommermärchen, Teil II. Diesmal aber bitte mit der Krönung, das heißt einem Sieg im Finale. Bevor klar sein wird, ob es denn zum Happy End reichen wird, tritt aber am morgigen 30. Juni in Berlin die Bundesversammlung zusammen, um einen neuen Bundespräsidenten zu wählen. Die Kandidatur von Joachim Gauck kommt damit auf jeden Fall zu einem Ende, Ausgang noch ungewiss. Aber auch diese hat in Deutschland in den letzten Wochen Energien freigesetzt, mit denen keiner gerechnet hätte und die viele den Bürgern wohl nicht zugetraut hätten. Menschen haben sich im Internet und auf der Straße zusammengefunden, Guerilla-Aktionen durchgeführt, Songs gedichtet und Videos gebaut, Bilder entworfen und auf Buttons, T-Shirts und Teddybären gedruckt. Sie haben sich engagiert – und zwar überparteilich, ohne Organisationsstrukturen und für, nicht gegen etwas.

Für den Fall, dass Joachim Gauck morgen gewählt wird, wird die Euphorie grenzenlos sein. Deswegen möchte ich mich mit diesem Fall auch gar nicht beschäftigen. Vielmehr ist doch die Frage, wie es weitergeht, wenn es nicht reichen sollte (was immer noch der wahrscheinlichere Fall ist). Ich meine: wir sollten es dann genauso halten, wie wir es 2006 nach dem Spiel gegen Italien gehalten haben. Trauern wir nicht, ärgern wir uns nicht, haben wir keine Angst. Denn „Angst macht kleine Augen“, wie es Joachim Gauck immer so schön ausdrückt. Nutzen wir vielmehr die Energie, die sich in den letzten Wochen durch die Interaktion, die Arbeit am gemeinsamen Ziel ergeben hat, um weiterzumachen. Wo auch immer, wie auch immer.

Selbst wenn Joachim Gauck nicht gewählt werden sollte, war das, was wir getan haben, nicht umsonst. Für uns sowieso nicht, haben wir uns doch auch selbst bewiesen, wozu wir in der Lage sind, uns gewissermaßen „ermächtigt“. Einige starten eine Gesangskarriere, andere haben inzwischen beste Kontakte zur Hauptstadtpresse, dem örtlichen Autoverleih und dem Baumarkt. Wo es die billigsten Flyer gibt, wissen wir inzwischen genauso gut, wie auch wie man ein einen Verein gründet, Spenden einwirbt, eine Demo anmeldet oder Pressemitteilungen schreibt…. Aber auch darüber hinaus haben wir Wirkung entfaltet. Wir haben Debatten um eine Direktwahl des Bundespräsidenten oder über unsere Demokratie an sich, besonders aber über die Frage der Teilhabe der Bürger an den Entscheidungsprozessen angestoßen, die es ansonsten in diesem Umfang zumindest derzeit nicht gegeben hätte. Ich behaupte auch, dass Merkel, Westerwelle und Co. die Entscheidung für Christian Wulff so nicht noch einmal treffen würden – zumindest vom Ablauf her – weil auch sie erkennen mussten, dass die Bürger sich nicht mehr alles gefallen lassen. Das ganze Thema Internet bzw. Social Media wird im politischen Umfeld in Zukunft anders gesehen werden (müssen). Denn es ist mehr als nur eine weitere Spielwiese für das Marketing der Parteien – es ist eine neue Möglichkeit der Teilhabe. Und diese wird von uns Bürgern auch wieder eingefordert!

Wir sollten also auch im Falle eines für uns negativen Wahlausgangs unserem Motto treu bleiben: pro und nicht contra! Auch wenn uns allen der Prozess nicht gefällt, müssen wir als Demokraten auch einen Christian Wulff als unseren Bundespräsidenten akzeptieren. Das sollte uns aber überhaupt nicht daran hindern, als Bürger dieses Landes auch und gerade Herrn Wulff unsere Gedanken und Wünsche mitzugeben. Vor dem Hintergrund, dass Herr Wulff das Internet als Medium der „jungen Leute“ sieht und unser Engagement zwischenzeitlich als „gefährlich“ bewertet hat, ist Aufklärung gewissermaßen gesellschaftliche Pflicht! Daher finde ich, dass wir ganz klar das Angebot an Herrn Wulff und all die anderen Führungspersonen dieses Landes formulieren sollten: bindet uns ein, nutzt die Schwarmintelligenz Eurer Bürger, seht uns nicht als Gefahr! Herr Gauck hat das nach einem ersten Moment der Überraschung verstanden. Herr Wulff, das können Sie auch! Wir kommen gerne mal in Bellevue zu einem Gespräch vorbei…

Aber nun warten wir einmal ab, wie es morgen ausgeht. Vielleicht fällt ja ein frühes Tor für den Außenseiter – und dann ist alles möglich…

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