Montag, 7. Juni 2010

Geschichte passiert - jetzt

Vor nicht einmal einer Woche habe ich diese Gruppe gegründet, die Nominierung von Joachim Gauck als Kandidat zur Bundespräsidentenwahl liegt gerade vier Tage zurück. Trotzdem werden wir noch in dieser Nacht vermutlich die Schallmauer von 10.000 Mitglieder mit unserer Facebook-Gruppe „Joachim Gauck als Bundespräsident“ überschreiten. Einige der Journalisten, mit denen ich heute sprechen durfte, glauben, dass diese Initiative die erste sein kann, die es schaffen kann, ein positives Thema (also nicht „gegen“ etwas, wie bspw. beim Thema Netzsperren, sondern „für“ etwas) im Netz soweit zu treiben, dass eine echte Massenbewegung daraus wird, die es sogar auf die Straße schafft; denn erst dort kann wahre Wirkung entfaltet werden. Ich glaube auch, dass dieses Potenzial da ist. Und ich reibe mir die Augen. Vielleicht hat es der eine oder andere mitbekommen: Ich habe über die letzten 15 Monate ein Buch geschrieben, was just heute veröffentlicht wurde. Ohne dieses Forum für Werbung missbrauchen zu wollen: Lest doch bitte einmal nachfolgenden Abschnitt und wundert Euch mit mir:

[…] Darüber hinaus müssen sie [die Piraten] sich inhaltlich sehr viel breiter aufstellen, um nicht nur für den harten Kern der zumeist jungen Netzgemeinde auf Dauer wählbar zu sein. Dass alleine aus diesen Kreisen heraus, die vor allem für eine Stärkung der Freiheitsrechte im Netz und eine Stärkung des Individuums gegenüber dem Staat eintreten, eine Vision für ein neues Gemeinschaftsgefühl in unserer Gesellschaft entwickelt wird, das über Petitionen und Flashmobs hinausgeht, ist – unabhängig von Erfolg oder Misserfolg der Piraten – doch eher unwahrscheinlich. Zumindest momentan. Wenn die Netzgemeinde es schafft, über Plattformen wie Twitter, Facebook und Co. in Zukunft so etwas wie die neuen „dritten Orte“ im Sinne von Oldenburg zu schaffen, an denen sich breite Gesellschaftsschichten zum Meinungsaustausch versammeln und organisieren, könnte die Bewertung gänzlich anders ausfallen. Denn unpolitisch ist diese gesellschaftliche Gruppe nicht, das beweisen Studien genauso wie die Erfahrungen, die ich bisher persönlich gemacht habe. Wer es schafft, soziale und technische Innovation miteinander zu verknüpfen, der hält den Schlüssel zur Gestaltung der Zukunft in den Händen. […]

Elite im Hamsterrad, Seite 123/124


Wie zu erkennen ist, habe ich das Potenzial gesehen – aber ich war skeptisch. Nun kommt das Buch zu dem Zeitpunkt auf den Markt, zu dem ich selbst Teil genau der Bewegung sein darf, von der ich mir unsicher war, ob sie kommen wird – und von der ich gleichzeitig inständig gehofft habe, dass sie kommt.

Träume ich?

Die Diskussion wird in einer Art und Weise geführt, wie ich sie mir von Demokraten wünsche. Der Umgang ist vorbildlich, obwohl sich 10.000 Menschen über alle Generations-, Partei-, Geschlechter- oder Was-auch-immer-Grenzen hinweg hinter einer Idee versammeln. Ist das die neue Welt und bricht gerade in diesem Moment eine neue Zeitrechnung an, was politische Teilhabe angeht? Oder ist das alles Spinnerei. Immerhin sind wir nur 10.000 von 82 Millionen. Und kaum jemand von uns wird als Wahlmann oder –frau eine Stimme in der Bundesversammlung haben.

Ich weiß es nicht… aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Cluetrain-Manifest zehn Jahre nachdem es geschrieben wurde auch im gesellschaftspolitischen Umfeld zum Leben erweckt wird.

[…]
Hyperlinks untergraben Hierarchien.
[…]
Wir würden uns freuen, wenn ihr kapiert, was hier abgeht. Das wäre wirklich toll. Aber glaubt ja nicht, dass wir deswegen die Luft anhalten.
[…]
Wir haben wirkliche Macht, und wir wissen das. Wenn ihr das nicht erkennt, wird jemand anders daherkommen, jemand aufmerksameres, jemand interessanteres, jemand, mit dem es mehr Spaß macht zu spielen.
[…]
Wir wachen gerade auf und verbinden uns miteinander. Wir schauen, aber wir warten nicht.
[…]


Nun ist die Frage: Wie geht es weiter? Bringen wir es auf die Straße? Und wenn ja, wie? Und was passiert nach dem 30. Juni?

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