Donnerstag, 6. Mai 2010

Portugal - 2005 bis 2010

Ich habe mich gestern auf eine Reise in die Vergangenheit begeben und alte Emails durchforstet. Dabei bin ich auf eine Mail gestoßen, die ich Anfang 2005 aus Lissabon an meine Freunde und Familie verschickt habe. Und im Rückblick frage ich mich, ob irgend jemand in Brüssel guten Gewissens sagen kann, dass man die Entwicklung nicht vorhersehen konnte. Hier der Originaltext:
„Portugal ist ein schönes Land, das von den großen europäischen Kriegen weitgehend verschont geblieben ist und daher eine vergleichsweise alte Bausubstanz aufweist. Das Klima ist angenehm, die Landschaft vielfältiger als etwa in Südspanien. Ein typisches Urlaubsland eben, aber leider auch nicht mehr. Die Wirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten auf ganz wenige Säulen gesetzt, die nun nach und nach wegbrechen. Mit dem Schraubverschluss auf immer mehr Weinflaschen nimmt der Druck auf die Korkeichenbauern zu, die Textilbranche ist dem Wettbewerb aus Nah- und Fernost nicht gewachsen. Die Autos, die VW im Riesenwerk „Autoeuropa“ in der Nähe von Setubal baut, können inzwischen auch kostengünstiger an anderen Standorten gebaut werden. Hochtechnologien und Dienstleistungsindustrie haben sich kaum angesiedelt. Schuld daran ist einmal die Nähe zu Madrid (600 Kilometer), die es möglich macht, den portugiesischen Markt mit zu bedienen. Viel problematischer allerdings ist das viel zu niedrige Bildungsniveau weiter Teile der Bevölkerung. Ein Universitätsabgänger bewegt sich (zumindest gefühlt) in den meisten Fällen auf dem Niveau eines deutschen Abiturienten. Der Unterricht – wenn er denn stattfindet – ist alles, aber nicht anspruchsvoll. Polen und andere osteuropäische Länder machen sich auf, Portugal zu überholen. Wenig überraschend, haben sie doch ein weit besseres Bildungsniveau bei noch niedrigeren Lohnkosten. Portugal hat, im Gegensatz zu Spanien, viele Jahre nach der Revolution verstreichen lassen, bis man angefangen hat, zu begreifen, dass die EU nicht alle Probleme des Landes lösen wird. Eine kurzfristige Lösung sehe ich nicht, eine Bildungsreform, die wenigstens langfristig helfen könnte, ist nicht in Sicht. Die einzige Chance ist der Tourismus. Wenig rosige Aussichten für die junge Generation, die sich trotz Universitätsdiploms typischerweise von Stipendium zu Stipendium und Zeitvertrag zu Zeitvertrag schleppt.“

Was ist die Antwort? Ich weiß es nicht. Sparsamkeit wäre ein erster Schritt, um die Krise nicht weiter zu verschärfen. Das gilt übrigens genauso für Deutschland, wenngleich unter sehr viel besseren Vorzeichen.

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