Montag, 26. Oktober 2009

„Martin is not in a relationship anymore“

Mai also. Eigentlich der Wonnemonat. Überall finden sich die Pärchen und tragen gemeinsam ihre Schmetterlinge im Bauch spazieren. Damit es auch jeder sehen kann – oder positiv formuliert: sie wollen uns an ihrem Glück teilhaben lassen. Ich will mich auch gar nicht beschweren. Zwar macht das frühsommerliche Kribbeln eine Bogen um mich, aber dafür bin ich seit Jahren glücklich vergeben. Und daran wird sich auch nichts ändern. Oder doch?

Eigentlich war ich mir sicher, dass alles endlich in ruhigen Bahnen verläuft. Man wird ja ruhiger mit der Zeit, spätestens nachdem man seinen 30. Geburtstag hinter sich gebracht hat. Aber war das nicht bei Martin genauso? Sechs Jahre war er mit Anja zusammen. Letzte Woche waren wir noch alle zusammen im Kino? Und nun lese ich auf Facebook diese Nachricht. „Martin is not in a relationship anymore.“

Meine Freundin setzt sich zu mir. Ich erzähle ihr von der Trennung. „Schade“, meint sie. „Eigentlich waren die schon ein süßes Pärchen. Wobei, irgendwie hat man sich ja doch immer wieder gewundert, was sie mit ihm will. Eine Schönheit ist er ja nun wirklich nicht, mit seiner hohen Stirn und dem Bauchansatz. Und es war ja klar, dass sie irgendwann jemanden findet, der besser zu ihr passt.“

Sie geht wieder zur Tagesordnung über. Und ich fange an zu grübeln. Auch ich hatte schon mehr Haare und der Waschbrettbauch ist in weite Ferne gerückt. Immerhin verdiene ich besser als Martin. Aber würde sie mich auch verlassen, wenn sie jemanden findet, der „besser zu ihr passt“? Was soll das überhaupt heißen?

Ich aktualisiere die Seite. Zwei Kommentare gibt es schon zu der Meldung. Eine seiner Ex-Freundinnen schreibt: „Man weiß erst, was man besessen hat, wenn man es verloren hat.“ Vermutlich meint sie eher sich als seine Freundin. Pardon, Ex-Freundin.

Einer der Jungs schreibt: „Lass Dich nicht hängen. Wenn sie Dich verlässt, war sie es nicht wert. Heute Abend grillen bei Ben? Da gibt’s auch ein paar Blonde. Gekühlt auf acht Grad das beste Rezept gegen Liebeskummer.“ Das ist also das Web 2.0. Wer mitmacht, darf zusehen, wie er zum Gesprächsgegenstand wird. Sein Privatleben ist öffentlich. Wer nicht mitmacht ist uncool.

Aktualisieren. Ein weiterer Kommentar. „Meld Dich mal bei dieser Seite an. Da gibt’s ne Menge heiße Frauen zum Kennenlernen. Hat mir auch geholfen.“ Lukas ist also bei Dating-Seiten angemeldet. Interessant. Wobei der es ja wirklich auch nötig hatte.

Ich muss schmunzeln. Es ist gerade sieben Minuten her, dass Martin sein Scheitern offenbart hat. Und schon bekommt er erste Tipps, wo er denn eine neue Frau herbekommen könnte. Ungefragt. Unpassend. Aber vermutlich ist in Zeiten von UMTS und Flatrate, in denen das Leben sich zum großen Teil online abspielt und die Welt sich immer schneller zu drehen scheint auch die Trauerphase nach einer Trennung massiv verkürzt. Drei Minuten anstatt drei Monate. Verrückt.

Mein Handy klingelt. Martin. „Klar, dass der jemanden zum Reden braucht,“ denke ich mir und nehme ab. Seine Stimme klingt fest. So war er ja schon immer nach außen hin. Typ deutsche Eiche. Ich will es ihm leicht machen.

„Martin, ich weiß es schon“, sage ich und versuche nicht zu mitleidig zu klingen.
Pause.
„Echt?“
„Ja, echt.“
„Super, oder?“
Pause.
„Wieso super?“
„Na weil ich mir wirklich nicht sicher war, ob sie es auch will. Gestern Abend auf der Burg hab ich sie gefragt. Ganz romantisch. Picknick, Kerzenschein. Sie hat sofort ja gesagt!“

Ich verstehe gar nichts mehr. Aktualisieren. Eine neue Nachricht: „Martin is now engaged.“

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