Mittwoch, 7. Dezember 2016

Todenhöfer geht zum Freitag - ich kündige!

Wie schlecht steht es um den Freitag? Die Wochenzeitung kämpft ja schon lange mit wirtschaftlichen Problemen. Die aktuelle Personalentscheidung lässt erahnen, dass man nach dem letzten Strohhalm zu greifen versucht - indem man Jürgen Todenhöfer zum Herausgeber macht. Als alternativer Erklärungsansatz käme mir nur noch in den Sinn, dass man dem Vorwurf der Lügenpresse endlich gerecht werden will. Ich bin auf jeden Fall fassungslos, wie man denjenigen, der immer, aber auch immer in der Geschichte auf der falschen Seite stand, der den IS verharmlost, der einen üblen Antiamerikanismus kultiviert hat und von Antisemiten gefeiert wird, noch einmal in eine einflussreiche Position bringt.

Für einen Liberalen mag das ein überraschendes Geständnis sein: Ich habe den Freitag seit einigen Jahren abonniert. Und zwar,
  • weil ich ihn als spannende Ergänzung der Medienlandschaft empfunden habe, 
  • weil ich die Kooperation mit dem Guardian schätze, 
  • weil mir der Kulturteil gut gefällt,
  • weil dort Miguel Szymanski immer wieder einen guten Blick auf Portugal geworfen hat
  • und weil es immer wieder kluge Artikel, etwa diesen von Nils Markwardt, gab, die mich überrascht haben.
Nun hat Nils Markwardt den Freitag verlassen, Augsteins Texte habe ich bisher versucht zu ignorieren - aber Todenhöfers Idee von "Journalismus", dafür bin ich nicht bereit, auch nur einen Cent auszugeben. Ich wünsche dem Freitag, den ich noch gestern nicht hätte missen wollen seit heute den Niedergang, den er sich mit dieser Entscheidung verdient hat. Und: ich kündige!

Dienstag, 8. November 2016

Das postfaktische Leben der Liane B. - Teil II

Die Soap Opera rund um die Verfehlungen von Liane Bednarz geht weiter. Der Umgang mit dem Artikel aus der Süddeutschen sagt viel über sie und ihr Umfeld aus, das sich was Postfaktizismus angeht kaum hinter Trump und seinen Anhängern verstecken muss. Ein Anschauungsbeispiel für die Wirren des digitalen Zeitalters.

Es ist einige Tage her, da habe ich an dieser Stelle meinen Blick auf die in der Süddeutschen durchaus richtig geschilderten Vorgänge geschildert. Wenig überraschend fühlte sich Frau Bednarz daraufhin berufen, dagegen zu Felde zu ziehen. Obwohl juristisch nicht anfechtbar, holte sie sich dafür den renommierten Anwalt für Pferderecht (kein Scherz), Enzio Graf Resseguier de Miremont (auch kein Scherz) an ihre Seite, der dann gleich mal in einem Artikel auf Starke Meinungen zeigen wollte, was er alles nicht drauf hat. Ich will gar nicht im Detail darauf eingehen, was an seinem Text alles falsch ist - andersrum wäre es einfacher. Alleine schon der Satz "Interessenkonflikte sind im Journalismus völlig normal" kollidiert in einer Wucht mit dem Pressekodex, dass man alleine vom Lesen ein Schleudertrauma bekommt. Nach Resseguiers Logik wäre auch der Fall Günter Lachmann, der in Diensten der Welt stehend zusätzlich der AfD seine Dienste angeboten haben soll, ein ganz normaler Vorgang gewesen. War er aber nicht. Und deswegen ist es richtig, dass Lachmann seinen Job bei der Welt verloren hat und nachvollziehbar, dass nach meinen Informationen Liane Bednarz nicht mehr bei Noerr arbeitet. Auch wenn dieser Schritt eigentlich schon vor über einem Jahr angemessen gewesen wäre, aber das ist nur meine unmaßgebliche Meinung. 

Der Pferderechtsanwalt lässt es sich natürlich auch nicht nehmen, gegen mich auszuteilen. "Auch Christoph Giesa sind solche Interessenskonflikte nicht fremd: Auch er bat noch im Vorfeld des Buches Bednarz ausdrücklich, eine Person zu verschonen, von der er sich für seine Freundin berufliche Aufträge erhofft hatte", raunt er. Giesa also auch? Hat er auch Leute aus dem rechten Spektrum in Schutz genommen, aus dem Buch herausgehalten? Bei Tichys Halbprofis wurde dann auch gleich kräftig drauf losspekuliert. Und auch ich rätselte mit, war mir doch kein solcher Vorgang bekannt. Tagelang ließ sich der Pferderechtler dann bitten, ohne Details zu nennen. Und er wusste warum. Hätten alle Leser seines Beitrags den Vorgang gekannt, hätte er sich und Frau Bednarz gleich noch viel mehr blamiert, als er das so schon getan hat. Das holen wir jetzt aber gerne nach. Wollen wir also einmal Licht ins Dunkel bringen:
  • Es geht um einen Vorgang vom 6.5.2014, also vor zweieinhalb Jahren. Liane Bednarz habe ich erst zwei Wochen später kennengelernt. Erst danach habe ich Ihr angeboten, auf mein Buchprojekt mit aufzuspringen. Anders gesagt: Der Vorgang hatte mit "Gefährliche Bürger" nichts, aber auch gar nichts, zu tun. Dass der Herr Pferderechtsanwalt von "im Vorfeld des Buches" spricht, ist natürlich sprachlich nicht ganz falsch. Aber nach dieser Logik fand auch mein erstes Bäuerchen im Jahr 1980 "im Vorfeld des Buches" statt, ebenso wie meine Konfirmation und mein Abi.
  • Es geht bei dem Vorgang auch in keiner Weise um einen professionellen Interessenskonflikt, wie der Herr Pferderechtsanwalt vermutlich in kompletter Unkenntnis von ungefähr allem insinuiert. Denn dafür hätte der Vorgang in einem professionellen Zusammenhang stehen müssen. Es ging allerdings nicht nur nicht um das Buch. Es ging auch nicht um einen Artikel oder ein sonstwie professionell zu verstehendes Produkt meiner Arbeit. Sondern es ging um diesen Facebook-Post und die Diskussion darunter:

     
  • Frau Bednarz diskutierte unter diesem Post in ihrer gewohnten Verhörmentalität mit einem Herrn, dessen Namen man zwar auf der FB-Seite finden kann, den ich aber hier aus Rücksicht nicht nennen will, weil er mit dem Vorgang wirklich gar nichts zu tun hat. Der Herr ist Fotograf und ich hatte gerade den Kontakt zwischen ihm und meiner damaligen Freundin hergestellt, die als Hair-and-Makeup-Artist arbeitet. Obwohl der Herr verschwörungstheoretisches Zeug von sich gab, hatte ich kein Interesse an einer Eskalation der Diskussion auf meiner Pinnwand (Stichwort Hausrecht) und bat Frau Bednarz im Chat, von ihm abzulassen:
  • Frau Bednarz fand den ganzen Vorgang damals  übrigens alles andere als schlimm, wie sie kurz später ausdrückte. Aber das nur am Rande.
  • Um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Herr, um den es ging, sollte zu keinem Zeitpunkt Gegenstand einer Publikation sein - insofern habe ich ihn weder "gestrichen" noch aus irgendetwas "rausgehalten". Wer das behauptet, lügt. Ich habe lediglich darum gebeten, dass Frau Bednarz sich in einer Diskussion auf meiner eigenen Facebook-Pinnwand zurückhält. Jede Bitte, das Thema Liane Bednarz auf "Starke Meinungen" nicht weiter zu vertiefen ist mehr Interessenskonflikt als dieser, rein private Vorgang.

Dass Frau Bednarz ihren Pferderechtsanwalt diesen Fall ausgraben lässt, lässt übrigens gleich mehrfach tief blicken. Zunächst einmal wird deutlich, wie wenig Frau Bednarz und ihr Umfeld verstanden haben, wie Medien im digitalen Zeitalter funktionieren und wirken. Dort scheint man nämlich zu glauben, dass man irgendetwas dadurch gewinnen kann, dass man andere - in diesem Fall mich - schlecht macht. Nur: Das ist nicht der Fall. Frau Bednarz' Handeln wäre selbst dann, wenn ich genauso unehrlich und unfähig wie sie wäre, immer noch falsch. Und zwar nach rein objektiven Maßstäben wie dem Pressekodex oder auch der anwaltlichen Berufsordnung. Es handelt sich hier nicht um einen Zweikampf, wie im Fall Trump/Clinton, wo einer am Ende gewinnt und später keiner mehr fragt, wie das Ergebnis zustande kommt. Vielmehr gilt: Frau Bednarz hat schon verloren und schlägt jetzt noch eine Weile wild um sich. Ich halte das aus und beobachte das wie einen Unfall, bei dem man auch nicht wegschauen kann. Denn ich weiß: sie ganz alleine hat dafür die Verantwortung zu tragen. Und sie macht es gerade nur noch schlimmer für sich selbst.

Denn - Learning Nummer zwei - spätestens mit diesem Post zeigt sich, dass Frau Bednarz offensichtlich nichts gegen mich in der Hand hat. Ich stelle mir gerade vor, wie sie stundenlang (sie hat ja jetzt Zeit) alte Chatprotokolle durchforstet hat, um dann diesen Vorgang von vor zweieinhalb Jahren zu finden. Darüber hinaus führt sie gerne noch eine Übertreibung meinerseits von der Veranstaltung aus Leipzig an (hier der Mitschnitt, immer wieder hörenswert), wo ich die juristischen Auseinandersetzungen der letzen Jahre mit der rechten Szene pauschal auf das Buch bezogen habe, was natürlich nicht ganz richtig war (es gab zum Buch einige böse Briefe, zwei nicht erfolgreiche Abmahnungen und den ebenso wenig erfolgreichen Gang der Bettina Röhl bis vor das Oberlandesgericht, alle anderen Vorgänge hatten mit anderen Texten zu tun). So what? Mit dem Track Record könnte ich mich wahrscheinlich sogar für die amerikanische Präsidentschaft bewerben, so wenige Leichen im Keller dürfte selten ein Kandidat gehabt haben.

Learning Nummer drei ist, dass gut gemeint auch in diesem Fall wieder das Gegenteil von gut gemacht ist. Nach dem Artikel in der Süddeutschen (gefühlt Seite 318 unten im Feuilleton, ich musste dreimal blättern, bis ich den Text gefunden habe), war der Jobverlust von Frau Bednarz vermutlich beschlossene Sache. Daran wird auch ihr Theater im Nachhinein nichts mehr ändern. Hätten sie und ihre Jünger danach einfach die Klappe gehalten, wäre der Sturm ansonsten wohl recht schnell wieder abgeebbt. Am Ende waren es die Ausraster von Herrn Posener, die für den Meedia- und den Spiegel-Online-Artikel verantwortlich waren. Und es waren die dauernden Provokationen aus Frau Bednarz' Umfeld, die mich dazu veranlasst haben, auch noch einmal Stellung zu nehmen - ich hatte zuvor nicht einmal den Süddeutsche-Artikel gepostet! 

Gibt man "Liane Bednarz" nun bei Google ein kommt mein erster Artikel gleich als drittes oder viertes Ergebnis (es war ganz nebenbei der meistgelesene Artikel meines Blogs bisher überhaupt). Bei diesem nun wird es vermutlich nicht viel anders sein. All das hätte sich Frau Bednarz ersparen können. Aber wie so oft werden an dieser Hypothek, die sie ihr Leben lang mit herumschleppen wird (das Internet vergisst nicht), wieder alle schuld sein, nur sie selbst nicht. Und ganz ehrlich: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Learning Nummer vier ist übrigens, dass es tatsächlich Menschen gibt, denen Facebook gar nicht bekommt (dazu hat Jan Fleischhauer in seinem Artikel ein paar treffende Bemerkungen gemacht). Wie anders kann man diese Aussagen von Frau Bednarz noch erklären?


Dass es tatsächlich Menschen geben sollte, die Artikel und Bücher nicht aus bloßem Narzissmus, sondern aus Überzeugung schreiben, kommt jemandem wie Frau Bednarz in ihrer Welt nicht mehr in den Sinn. Und dass es tatsächlich Journalisten geben sollte, denen der unsaubere Umgang mit Interessenskonflikten sauer aufstößt, offensichtlich ebenso wenig. 

Das ist auch genau das Problem, das diese Frau hat und das ich leider viel zu spät erkannt habe: Es geht ihr nicht um die Sache. Es geht ihr um Aufmerksamkeit und Zuspruch. Wenn der ausbleibt, geht sie damit nicht selbstkritisch um, sondern attackiert denjenigen, der nicht tut, was sie will. Privat wie professionell. In der Zeit, in der "Gefährliche Bürger" entstand, waren auch immer alle anderen an allem schuld. Obwohl sie schlicht ihre Zeit damit verbrachte, Likes und Tweets zu zählen (jeder Retweet durch eine namhaften Journalisten war eine Email mit angehängtem Screenshot wert), war daran, dass sie mit den von ihr zugesagten Teilen nicht fertig wurde, wahlweise der Verlag oder die eigene Kanzlei schuld. Dass darunter nicht sie leiden musste, sondern ich, hielt sie natürlich nicht davon ab, mich noch zusätzlich mit ihrem Rumgeheule und ihrem Gezänke vom Arbeiten abzuhalten. Auf meine frühen Hinweise, dass sie in diesem Tempo niemals ihre zugesagten Teile wird liefern können, erntete ich hysterische Ausbrüche und einige der absurdesten Mails meines Lebens. 

Liane Bednarz, und das dürften hoffentlich die letzten Worte sein, die ich in meinem Leben an diese Dame verschwende, wäre gerne so vieles und ist am Ende nichts davon. Sie wäre gerne eine Top-Anwältin, sieht aber nicht einmal den Interessenskonflikt, wenn man ihn ihr mit dem Trichter direkt ins Gehirn füllt. Sie wäre gerne Autorin, bringt aber nichts von dem mit, was man braucht, um ein Buch zu schreiben. Sie wäre gerne Journalistin, nur findet sie den Pressekodex doof, wenn er auch für sie gelten soll. Und sie wäre so gerne Christin, hat dazu aber keinerlei menschliche Voraussetzungen. Ein Leben wie ein postfaktisches Kunstwerk, möchte ich sagen. Ihre Jünger werden noch eine Weile um sie herumtanzen, dann wird es still werden. Viele, viele Menschen werden dann endlich durchatmen können, denn erst dann ist der Spuk endgültig vorbei. 

Ich fliege jetzt erstmal nach Guatemala und genieße das Leben. Und irgendwann werde ich den ganzen Spaß sicher mal in einem Roman oder Drehbuch verarbeiten. Wobei... wahrscheinlich glaubt einem das am Ende keiner.

Freitag, 28. Oktober 2016

Der Fall Liane Bednarz - Teil I

Vor einigen Tagen erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel, in dem es um die Rollen von Frau Bednarz und ihres Arbeitgebers bei der Tilgung kritisches Passagen in „Gefährliche Bürger“ ging. Im Nachgang dieses Artikels schossen allerlei Verschwörungstheorien ins Kraut, die sich gegen den Autor des Artikels, aber auch gegen mich richteten. Mehr als vierzehn Monate nach Erscheinen des Buches scheint es daher Zeit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Auch, weil ich aus dem Umfeld von Frau Bednarz immer wieder nachdrücklich dazu aufgefordert wurde. Ob das wirklich in ihrem Sinne ist? 

Ein paar persönliche Worte vorweg. Mir ist klar, dass auch dieser Text nicht alle überzeugen wird. Mir ist klar, dass der ganze Vorgang von außen betrachtet wie eine überflüssige Schlammschlacht wirken mag. Und mir ist auch klar, dass die rechte Szene sich gerade vor Glück ins Höschen macht. Ich halte es trotzdem für wichtig, all die Dinge, die ich in den letzten zwei Jahren erlebt habe und erleiden musste, öffentlich zu machen. Und zwar alleine schon, um damit möglicherweise andere Menschen davon abzuhalten, denselben Fehler zu machen, den ich gemacht habe – und der mir mein Leben zwischenzeitlich zur Hölle gemacht hat. Hier der erste Teil - die weiteren Vorgänge so wiederzugeben, dass sie korrekt, vollständig und verständlich gleichermaßen sind, ist eine Aufgabe, die mehr als ein paar Stunden in Anspruch nimmt.

Nun aber endlich inhaltlich. Zunächst einmal kann ich auch bei nochmaliger Lektüre des Artikels keinen sachlichen Fehler entdecken. Und ich muss gestehen: Ich habe das Verhalten von Frau Bednarz damals für skandalös gehalten - und halte es heute immer noch dafür. Dabei hat die Geschichte mehrere Ebenen. Natürlich hat der Autor eines Buches grundsätzlich jedes Recht, zu entscheiden, welche Sachverhalte er aufgreift und welche nicht. Im Fall eines Einzelautors entsteht daraus auch kein Problem, denn er alleine ist Urheber und kann zu jedem Zeitpunkt vor Drucklegung grundsätzlich Details am Text ändern (ob das dann noch professionell genannt werden kann, ist eine andere Frage). Im Fall von "Gefährliche Bürger" war Frau Bednarz allerdings nicht die alleinige Autorin, sondern es handelte sich um ein Werk von zwei Autoren. Der Teil, den Frau Bednarz streichen wollte - und dessen Streichung sie zum Teil auch gegen meinen ausdrücklichen Willen durchgesetzt hat - war von mir geschrieben.

Auch das alleine wäre noch kein Skandal. Allerdings bekam Frau Bednarz schon im Mai 2014, ganz kurz nachdem wir uns zum ersten Mal persönlich getroffen hatten, von mir ein Exposé, das später die Basis für "Gefährliche Bürger" wurde. Bereits dort war das folgende Kapitel angedacht:
"Die Spur des Geldes – Wer von Angst und Hass profitiert
Das ist sicher aus medialer Sicht eines der spannendsten Kapitel – zumal das bisher meines Wissens nach noch nie jemand umfassend aufgeschrieben hat. Aber denen, die gegen „die da oben, die sich die Taschen voll machen“ agitieren, übersehen oftmals, dass ihre eigenen Vordenker sich noch viel schamloser an ihrer blinden Wut bereichern. Die Vernetzung der vielen verschiedenen Protagonisten, die Interessen von Anlageberatern und Lobbyisten und die gegenseitige Handreichung wird zumindest die, die das Buch nicht nur kaufen, um sich über den Autor aufzuregen, zum Nachdenken bringen."
Spätestens seit dem 13. August 2014 kannte sie dann all die Namen, deren Streichung sie im April 2015 mit aller Brutalität durchsetzte. Das war nämlich der Tag, an der ich ihr die erste Fassung des Textes per Mail zukommen ließ. Liane Bednarz war danach eifrig bei der Sache, Material zum Thema zusammenzutragen. Als nur wenige Tage später ein bemerkenswerter Artikel des Welt-Autoren Daniel Eckert zum Scheitern der „Crash-Propheten“ erschien, merkte sie an, dass es sich um die Bestätigung meiner These handele und fügte hinzu, dass Polleit allerdings fehle. Am 31. August wies sie mich auf einen Text hin, in dem die Verbindung zwischen Sarrazin und von Finck beschrieben werde (wie diese aussehen soll, blieb sie allerdings schuldig). Also: Kein Hinweis darauf, dass sie irgendein Problem mit dem geplanten Kapitel und den darin genannten Personen hatte – ganz im Gegenteil.

Das Thema, das nun Gegenstand des Artikels in der Süddeutschen Zeitung war, war also schon zum frühestmöglichen Zeitpunkt angelegt. Wenig überraschend übrigens, wenn man weiß, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, „Gefährliche Bürger“ zu schreiben: Es waren die Untergangspropheten am rechten Rand der FDP (inzwischen: am rechten Rand der AfD), die mich dazu gebracht haben, zu recherchieren, wer eigentlich und aus welchem Grund ein Interesse an einem Zusammenbruch der Eurozone, der EU und der Demokratie an sich haben kann. Und man braucht eben nur der Spur des Goldes zu folgen, um fündig zu werden. Der langen Rede kurzer Sinn: Ohne diesen Anfang hätte es das Buch nie gegeben. Dass Frau Bednarz und ihre blinden Unterstützer nun versuchen, das Kapitel an sich oder zumindest die Streichungen als weitgehend irrelevant zu verkaufen, dürfte nicht nur mit diesem Text eindeutig widerlegt sein, sondern ist auch unredlich.

Manuskriptabgabe war der 15. März 2015. Erst zwei Wochen später - also nach der Abgabe - forderte Frau Bednarz die Streichung der entsprechenden Passagen. Zuvor hatte sie das Kapitel mehrfach zu Korrekturzwecken in der Hand - und wiederum keine Einwände. Der Streichungswunsch kam dann aus heiterem Himmel - und zwar nicht in der gebotenen Demut, sondern brachial: Der Arbeitgeber habe "gerade sein Veto gegen eine Behandlung der Sachanleger-Branche eingelegt hat, so dass die betreffenden Passagen im Kapitel "Die Angstmacher" aus berufsrechtlichen Gründen zwangsläufig entfallen müssen." Auch wolle die Kanzlei nun den Rest des Manuskripts prüfen. Immer noch kein Skandal? Na dann sehen wir mal weiter.

Denn in derselben Mail wurde auch noch die glatte Lüge formuliert, es habe eine "Absprache, dass Passagen, die die Kanzlei nicht mittragen kann, entfernt werden" zwischen mir und Frau Bednarz gegeben. Spätestens jetzt sind wir bei dem Teil, der die Geschichte tatsächlich zum Skandal macht. Denn nicht nur hat es diese Absprache nicht gegeben. Vielmehr hat Liane Bednarz auf mehrfache Nachfrage zunächst von mir, dann von unserer Agentin* und später auch des Verlags immer wieder betont, sie sei komplett frei in dem, was sie schreibe, weil die Kanzlei ihr Anliegen unterstütze. Niemals - wirklich niemals! - hätte ich einen Vertrag mit jemandem unterzeichnet, der für das gemeinsame Buchprojekt einen Freigabevorbehalt seines Arbeitgebers verlangt hätte. Und dasselbe dürfte ebenso für Hanser gelten. 

Anders gesagt: Man muss davon ausgehen, dass Frau Bednarz - bei einer Anwältin muss man davon ausgehen: wohl wissend um die vertraglichen Einschränkungen, denen sie unterlag - bewusst die Unwahrheit gegenüber dem Verlag und mir als weiteren Vertragspartnern gesagt hat, nur um nicht auf das Buchprojekt verzichten zu müssen. Das Buch wäre nämlich auch ohne sie geschrieben worden. Wer nicht spätestens an dieser Stelle ein zutiefst unmoralisches Verhalten erkennt, wer jetzt noch nicht verstehen will, dass Frau Bednarz sehenden Auges als Anwältin einen Vertrag unterschrieben hat, der einen Interessenskonflikt zu ihrem bestehenden Arbeitsvertrag bedeutete, dem ist beim besten Willen nicht mehr zu helfen. Dass sie dann zum späteren Zeitpunkt ihren Fehler nicht dadurch zu heilen versucht, dass sie selbst als Autorin zurücktritt, sondern mit aller Vehemenz darauf drängt, meinen Text zu verstümmeln, sagt viel über die Persönlichkeitsstruktur von Frau Bednarz aus. Über ihr christliches Getue kann ich schon lange nur noch laut lachen.

Dazu passt übrigens auch, dass sie versucht hat, Druck auf den Veranstalter einer Lesung mit mir in Leipzig auszuüben, damit dieser den Mitschnitt des Abends aus dem Netz nimmt, weil ihr einige meiner Aussagen nicht passten. Streichen lassen wollte sie dort etwa die Aussage der Moderatorin (!), man merke dem Buch an, dass es aus meiner liberalen Handschrift heraus geschrieben worden wäre oder auch meine Aussage mit folgendem Wortlaut:
"Das ist übrigens der Teil im Buch, der tatsächlich von meiner Co-Autorin stammt, der auch gut ist, also das muss man, man muss ja auch mal loben können, wozu sie einen langen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor zwei oder drei Wochen geschrieben hat." 
Und natürlich ging sie auch dort schon gegen die Erwähnung der Rolle ihres Arbeitgebers vor, die im Artikel der Süddeutschen nun, ein halbes Jahr später, intensiv beleuchtet wurde. Die Veranstalter waren über Frau Bednarz' Wünsche reichlich verwundert - und teilten ihr nach Durchsicht mit, dass sie keinen Anlass für eine Zensur sehen. Kein Wunder: keine der Aussagen war unwahr. Daher kann man den Mitschnitt auch heute noch hier nachhören. Viel Spaß dabei!

Abschließend: Frau Bednarz versuchte in den letzten Tagen den Anschein zu erwecken, es sei nicht um Mandanten ihres Arbeitgebers gegangen. Das ist einmal mehr verwunderlich, hatte sie die Streichliste doch genau damit begründet, dass sie die Datenbankabfrage zu den Mandanten der Kanzlei falsch durchgeführt hätte. Wer soll denn in dieser Datenbank sonst drinstehen, wenn nicht Mandanten? Und nehmen wir nur an, ich läge falsch und sie hätte tatsächlich Recht: Dann wäre der Skandal sogar noch größer, weil sie Streichungen nicht aus Rücksicht auf Mandanten, sondern aus Rücksicht auf die mögliche Akquise der genannten Namen als Mandanten durchgedrückt hätte. Wenn man ganz bösartig sein will, könnte man darin sogar ein mögliches Vertriebsinstrument sehen, das man in der Ansprache anführen könnte, man habe Schaden von jemandem schon vor Beginn eines Mandats abgewehrt. Das vermute ich allerdings nicht, sondern eher, dass es sich bei den Aussagen von Frau Bednarz aus den letzten Tagen um Schutzbehauptungen handelt, weil sie Angst hat, dass sich sonst möglicherweise die Anwaltskammer einschaltet. Ich würde ja immer empfehlen, zu den eigenen Verfehlungen zu stehen, statt zu versuchen, eine Lüge mit einer anderen zu decken. Aber jeder ist ja seines Glückes Schmied.

Wie auch immer - unsauber war auch dieses Vorgehen wieder. Nicht zum ersten Mal, wie jedem nach Lektüre dieses Textes deutlich geworden sein sollte. Und sollte sie nun wieder mit rechtlichen Schritten drohen: Auch davor habe ich inzwischen keine Angst mehr. Wie ich überhaupt keine Angst mehr habe vor Frau Bednarz. Jeder Satz in diesem Text ist belegt. Eine gute Nachricht für mich, eine schlechte für sie. 

In Teil II werde ich mich der Arbeitsmoral von Frau Bednarz sowie ihren Ansichten über ihren Arbeitgeber und den Verlag widmen. Ich gebe zu, ich hätte mir die Arbeit gerne erspart. Aber es hilft ja alles nichts, solange Frau Bednarz weiterhin versucht, die Öffentlichkeit mit Un- und Halbwahrheiten zu füttern. Nun erst einmal allen ein schönes Wochenende. Ich werde mich mit dem Thema vor Montag nicht mehr beschäftigen - und ich empfehle es allen anderen auch.

* Diesen Satz hatte ich zuvor mit unserer Agentin nicht abgestimmt. In meiner Erinnerung war es so, sie kann sich daran allerdings nicht erinnern (es geht um die Zeit vor recht genau zwei Jahren). Was sie allerdings weiß: Sie ist davon ausgegangen, dass es sich natürlich genau so verhält, weil es sich auch aus ihrer Sicht um eine Selbstverständlichkeit handelt, dass man Bücher nicht unter Freigabevorbehalt eines Arbeitgebers schreibt.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Was die AfD von Ronald Schill gelernt hat

Immer wieder versuchen AfD, Pegida und Co, sich gegen den Vorwurf zu wehren, sie seien rechtsradikal. Dabei sind die Strategien durchschaubar - sind sie doch identisch mit jenen, die schon Ronald Barnabas Schill vor rund 15 Jahren mit seiner Schill-Partei angewandt hat. In seiner Biografie (Der Provokateur, S. 58) gibt er unumwunden zu, dass er folgende Maßnahmen gezielt zur Immunisierung gegen den Vorwurf, rechtsradikal oder gar rechtsextrem zu sein, getroffen hat:
"Erstens stellte ich mich mit meinem von den Nazis ermordeten Großvater auf eine Ebene und verkündete, er habe für seinen unerschrockenen Kampf gegen den Ungeist seiner Zeit einen viel höheren Preis bezahlt, als ich ihn jemals zu zahlen haben werde. Ich sei – was auch der Wahrheit entspricht – stolz darauf, dass er und meine Großmutter als Kommunisten gegen die Nazidiktatur gekämpft hätten."
Wer muss da nicht an den Versuch von Pegida denken, mit der Wirmer-Fahne - der Fahne des Widerstands rund um Stauffenberg - sich selbst als Antinazis und sogar als verfolgte Widerständler in einer Diktatur zu inszenieren? Geschmacklos, aber durchaus wirksam bei Teilen der Bevölkerung.
"Zweitens trat ich – nicht nur, aber auch aus diesem taktischen Grunde – der Deutsch-Israelischen Gesellschaft als Mitglied bei. Für meine Feinde aus der linken Ecke waren die Kampfbegriffe „rechtsradikal“, „ausländerfeindlich“ und „antisemitisch“ Holz vom gleichen Stamm. Wenn ich aber nicht antisemitisch war, wie konnte ich dann rechtsradikal sein?"
Auch dieses Muster sieht man heute wieder. Im Umgang mit Antisemiten wie dem baden-württembergischen AfDler Wolfgang Gedeon wird dann aber schnell deutlich: Zumindest für die Hälfte der dortigen AfD-Fraktion ist Antisemitismus nur dann schlimm, wenn er von Muslimen kommt und ansonsten kein Grund, sich von einem eigenen Parteifreund zu distanzieren.
"Drittens nahm ich Anthony, einen Schwarzafrikaner aus Ghana, gleich bei Gründung meiner Partei in den Vorstand auf."
Auch da haben AfD, Pegida und Co längst ihre Freunde gefunden, die sich aus Naivität und für ein bisschen Publicity die Rolle der Feigenblätter spielen, wie etwa Achille Demagbo. Dass auch für ihn und seine Familie in einem Land, in dem das völkische Denken von Petry, Höcke und Co zur Leitkultur werden, kein Platz wäre, ist einfach nur tragisch. 
"Viertens zitierte ich zu meinem Thema Ausländerkriminalität gebetsmühlenartig den amtierenden SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder."
Hat da jemand Sarrazin gesagt?

Freitag, 3. Juni 2016

Qualitative Freiheit - Ein Freiheitsentwurf für eine globalisierte Welt

Vorweg: Ich kenne Claus Dierksmeier schon eine Weile und teile viele (aber nicht alle) seiner Überzeugungen. Vor allem auf einer Metaebene kann ich seine Ideen weitgehend unterschreiben. Nun legt er diese Gedanken in Form eines umfangreichen (knapp 500 Seiten) Grundsatzwerkes zur Freiheitstheorie vor: "Qualitative Freiheit - Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung". Warum sollte man das lesen? Und was habe ich aus der Lektüre mitgenommen?

Ich habe in der Vergangenheit viele Bücher und Artikel der bekannteren und weniger bekannten Freiheitsphilosophen der letzten Jahrhunderte gelesen. Kant war natürlich dabei, Hayek, Dahrendorf. Ein wenig Rawls, ein wenig Fichte. Und viel Adam Smith und Isaiah Berlin. Immer wieder kam ich an den Punkt, wo mir entweder der Anwendungsraum zu klein erschien – Kant etwa schloss aus seiner Freiheitstheorie zahlreiche Gruppen aus, wie es damals eben opportun erschien (Frauen, Juden, Menschen in fernen Ländern). Oder die Theorien führten in eine totalitäre Weltsicht – Fichte etwa meinte, die Menschen müssten zu ihrem Glück gezwungen werden. Oder aber die Theorien stellten sich als verkürzt und in der Realität wenig anwendbar heraus – so hatte Hayek offenbar kaum ein Verständnis dafür, dass es auch unverschuldete Lebenssituationen geben kann, in denen Freiheit nicht Chance, sondern Bedrohung ist. Kurz gesagt: Irgendwas fehlte immer, zumindest wenn man sich wie ich als Liberaler versteht, der kosmopolitisch allen Menschen auf der Welt das Recht auf Lebenschancen zugesteht. Ich musste mir also eine ganze Zeitlang Krücken basteln, indem ich Bruchstücke einzelner Philosophien mit eigenen Ideen mischte. 

Es war Claus Dierksmeier, der mir einen Philosophen vorstellte, von dem ich zuvor nicht gehört hatte: Karl Christian Friedrich Krause. Dieser dachte schon zu seiner Zeit, also zu Beginn des 19. Jahrhunderts, kosmopolitisch und über Generationen hinweg nachhaltig, konnte mit seinen Ideen in Deutschland aber bis heute niemals Fuß fassen, obwohl er sicherlich die progressivere Freiheitsphilosophie als der gute alte Kant entwickelt hat. Krause hat auf viele Menschen, die von seinen Ideen zum ersten Mal hören, eine starke Wirkung – weil man sich kaum vorstellen kann, dass jemand vor rund 200 Jahren schon so fortschrittlich denken konnte, während es heute vielen Zeitgenossen noch schwerfällt, auch nur über die eigene Sippe oder Nation hinauszudenken. Es ist Claus Dierksmeiers Verdienst, im Rahmen seines Buches „Qualitative Freiheit“ Krauses Gedanken zum ersten Mal in diesem Umfang und in verständlicher Sprache zu dokumentieren und in den Kontext der bekannten Freiheitsdenker einzuordnen. Alleine in diesem Teil des Buches habe ich schon eine Menge gelernt. 

Dierksmeier belässt es aber nicht dabei, sondern nimmt insbesondere Krause und Amartya Sen als Basis für den Versuch, eine Alternative zu der unzureichenden Einteilung in negative und positive Freiheitstheorien zu entwickeln. Er führt dafür ein neues Begriffspaar ein, nämlich „quantitative Freiheit“ und „qualitative Freiheit“. Seine Hypothese: Wer alleine auf eine Maximierung der quantitativen Freiheitsoptionen abzielt („Je mehr, desto besser“), wird der Natur des Menschen nicht gerecht. Sonst dürfte man niemals heiraten, beschneidet man sich doch (freiwillig) in der Zahl seiner Sexualpartner. Weil wir es aber doch tun, muss es irgendetwas geben, was uns die Zweisamkeit suchen lässt – und das ist nicht quantitativ messbar, sondern nur qualitativ fühlbar. Es gilt also in der Realität, entgegen allen ökonomischen Modellen: „Je besser, desto mehr.“

Wo Fichte nun geglaubt hätte, er und die seinen seien dafür bestimmt, den Menschen die „richtigen“ Optionen vorzugeben, geht Dierksmeier diesen Weg bewusst nicht. Er ist überzeugt: Freiheit, die durch Zwang befohlen wird, ist keine Freiheit mehr. Vielmehr müsse qualitative Freiheit auch mit freiheitlichen, partizipativen Instrumenten zwischen den Menschen ausgehandelt werden. Und da in einer globalisierten Welt auch Menschen weit weg von hier und Erdbewohner zukünftiger Generationen von unserem Tun betroffen sind, müssen auch deren Interessen mit auf den Verhandlungstisch.

Wie das in der realen Welt aussehen könnte? Das kann Dierksmeier natürlich nicht en detail für jede Frage unserer Zeit durchdeklinieren. Ich persönlich nehme aus dem Werk allerdings ein Gerüst mit, an dem entlang ich meine Positionen auf ihre Konsistenz prüfen kann. Bemerkenswert vor allem: Dierksmeier bevormundet nicht. Und das ist wichtig, denn: Wer die Freiheit wirklich liebt, sollte sich immer bewusst sein, dass auch er hin und wieder Gefahr läuft, deren Zumutungen (im Sinne von: Verantwortung) gegen die einfache (im Sinne von: gemütlichere) Lösung einzutauschen. Wer Freiheit nur für sich in Anspruch nimmt, sie anderen aber nicht im gleichen Maße zugestehen will, verrät die gesamte Idee. Das passiert derzeit sowieso schon viel zu häufig. Und daher kommt Claus Dierksmeiers Buch nicht nur zur richtigen Zeit, sondern wird hoffentlich auch seinen Teil zu einem neuen Debatte über die Freiheit, die wir wollen, beitragen.



Freitag, 29. April 2016

Die AfD und der Hass auf die Grundrechte

Die AfD kommt am Wochenende zum Programmparteitag zusammen. Dort steht unter anderem die Religionsfreiheit, insbesondere für Menschen muslimischen Glaubens zur Debatte. Schlimm genug, dass eine Partei, die inzwischen in zahlreichen Parlamenten vertreten ist, so offensichtlich die Axt an ein Grundrecht legt. Wer nun aber glaubt, das wäre der einzige Anschlag dieser Art, der irrt. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Die AfD stellt Artikel 1 des Grundgesetzes - "Die Würde des Menschen ist unantastbar", immerhin ein unveränderlicher Grundsatz - in Frage. Und zwar mit der von zahlreichen Spitzenpolitikern geäußerten Forderung, auf Flüchtlinge an deutschen Grenzen zu schießen. Das betrifft dann auch gleich Artikel 2 des Grundgesetzes - das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Die geplante Diskriminierung von Muslimen betrifft nicht nur Artikel 4 des Grundgesetzes (Freiheit der Religionsausübung), sondern in der Durchsetzung dann auch Artikel 3 des Grundgesetzes (Gleichheit vor dem Gesetz).

Auch mit Artikel 5 des Grundgesetzes - Pressefreiheit - hat die AfD so ihre Probleme. Nicht nur, dass die Junge Alternative versuchte, die Presseberichterstattung durch Knebelverträge zu beeinflussen und unliebsame Journalisten durch die AfD von Parteitagen ausgeschlossen wurden. Auch die Kunstfreiheit - Artikel 5, Absatz 3 des Grungesetzes - steht unter Beschuss, wie der an den Stimmen der demokratischen Parteien in der Hamburger Bürgerschaft gescheiterte Versuch, den Auftritt einer unliebsamen Band auf dem Hamburger Hafengeburtstag zu verbieten, dokumentiert. Erdogan lässt grüßen.

Artikel 10 des Grundgesetzes schreibt das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis fest - ein Grundrecht, das gerade wieder vom Bundesverfassungsgericht gestärkt wurde, das auf Klage der Liberalen Baum und Hirsch das BKA-Gesetz kassierte (und dasselbe mit der Vorratsdatenspeicherung zum wiederholten Mal tun wird). Die AfD ficht das nicht an, fordert sie doch genau diese Vorratsdatenspeicherung unter dem schönen Schlagwort "Datenschutz darf kein Täterschutz sein". Den Diktatoren dieser Welt gefällt das.

Artikel 12 des Grundgesetzes - die Berufsfreiheit - scheint ebenso wenig unantastbar, wenn der 2015 ins AfD-Schiedsgericht gewählte Alexander Heumann erklärt, er betrachte es mit Sorge, wenn Muslime in Deutschland für die öffentliche Sicherheit zuständig seien, etwa als Polizisten.

Auch Artikel 16a des Grundgesetzes - das Recht auf Asyl - wird in Frage gestellt. Frauke Petry, die Parteichefin, forderte vor einiger Zeit dessen Aussetzung. Das mag sich nicht so dramatisch anhören. Aber man stelle sich nur vor, was es hieße, wenn Pressefreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit einfach für eine gewisse Zeit ausgesetzt würden.

Was wird als nächstes unter Beschuss genommen? Die Versammlungsfreiheit? Die Unverletztlichkeit der Wohnung? Es ist nur eine Frage der Zeit. Dass die AfD vor diesem Hintergrund immer noch nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht, muss als brutale Fehleinschätzung interpretiert werden, deren Korrektur hoffentlich nach dem Parteitag erfolgt.


Donnerstag, 28. April 2016

Diarium - Frauke Petry beschäftigt rassistischen und sexistischen Publizisten

Da ist mir doch gerade fast das halbe Brötchen aus dem Mund gefallen: Frauke Petry holt laut Meedia den Focus-Redakteur Michael Klonovsky als "publizistischen Berater". Klonovsky, das ist der, für den Putins Russland der Hort der Freiheit ist, weil dort Mentholzigaretten und Glühbirnen nicht verboten sind. Klonovsky, das ist der, der sich selbst als "rassistisch" und "sexistisch" bezeichnet und ganze Bände von islam-, demokratie- und fortschrittsfeindlichen Aphorismen verfasst hat, wie ich schon vor zwei Jahren dokumentiert habe. Klonovsky ist ganz nebenbei auch der, der genau darauf mit üblen Beleidigungen reagierte, nach einem Schreiben meines Anwalts allerdings am Ende den Schwanz einzog. Und Klonovsky ist auch derjenige, den der inzwischen arbeitslose ehemalige Welt-Autor Matthias Matussek verteidigen wollte, indem er mich als "Wurm" titulierte. Eine der wenigen Beleidigungen übrigens, gegen die ich nicht vorgegangen bin und die nicht vom Landgericht Hamburg als klar rechtswidrig eingestuft und ihm verboten wurden. Wenn da mal nicht zusammenwächst, was zusammengehört...